»Reklame ist ihr Programm«


»reklamOrama« im Incognito Bar & Showpalast Berlin

Das Licht wird abgedunkelt, auf der Leinwand werden die ersten Bilder lebendig. Unweigerlich fühlt man sich an das Kollektiverlebnis »Fernsehstube« der jungen Bundesrepublik erinnert. ›Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen‹, hat man Herbert Zimmermanns Stimme im Ohr … aber der schießt gar nicht. Stattdessen steckt unter großer Heiterkeit des Publikums eine Werbefigur jener Zeit den Kopf durch den grünsamtenen Vorhang und wünscht »Guten Abend«: der Maggi-Fridolin.

Dies ist der Beginn des »reklamOrama«-Auftritts in Schönebergs Bar & Showpalast ›Incognito‹, den Iris Wehner und Matthias Gerschwitz vor einiger Zeit erdacht und seitdem immer weiter verfeinert haben. »Reklame ist ihr Programm«, titelt die Berliner Morgenpost in ihrer Printausgabe vom 27. Februar 2020 – und so unternehmen die Profimusikerin und der Kommunikationswirt spritzig-elegant mit dem Publikum einen heiteren Streifzug durch die bunte Welt alter Reklametexte – wobei »alt« eher relativ ist, denn die Spannbreite der präsentierten Texte und Geschichten rund um die Werbung reicht von den 50ern bis zu den 90ern des letzten Jahrhunderts und wird durch Video-Collagen alter Fernsehspots und aktuelle Bezüge ergänzt. »Das Programm animiert zum Mitmachen«, schrieb das Solinger Tageblatt anlässlich eines Auftritts in der bergischen Klingenstadt. In Publikumsrunden werden Erinnerungsvermögen und Gehör geschult: Wie lautete jener Slogan, welche Marke warb auf diese Weise … und welche Funktion haben eigentlich Jingles unter musikalischen Aspekten?

Um Werbung im Sinne der Verkaufsförderung geht es aber nur vordergründig, denn verkaufen will »reklamOrama« nichts – außer guter Laune, schönen Erinnerungen und dem Wiedersehen mit bekannten Werbefiguren. Eine davon steht mit auf der Bühne: »Bruno«, das HB-Männchen. Die Reaktionen zeigen, dass das Konzept funktioniert – das Publikum amüsiert sich »wie Bolle«. Und doch geht das Programm viel tiefer: Gerade in den alten Fernsehspots zeigen sich Weltbild und Rollenklischees vergangener Tage, denen wir heute glücklich entronnen zu sein scheinen – wären da nicht jene politischen Strömungen, die den gesellschaftlichen Rückfall in die 50er und 60er auf ihr Schild gehoben haben.

Das tut der Stimmung aber keinen Abbruch. »Gut gelaunt genießen« die Zuhörer einen Abend, der in bester Erinnerung bleibt und gleichzeitig all jene ungenannten und unbekannten Menschen ehren soll, die Werbung ersonnen, betextet und bebildert haben. »Da weiß man, was man hat«, denkt sich der Gast und freut sich aufs nächste Mal, wenn es wieder heißt: »Früher war alles besser – sogar die Werbung!«

(Foto: Margot Schlönzke)


Nächste Termine: siehe Webseite reklamorama.de

 

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